ETAPPE 1
Endlich: Ho Chi Minh Road

ETAPPE 1

Von Hoi An nach A Luoi (fast)

Donnerstags morgens, 8 Uhr, in Hoi An. Mike und Hanh, bei denen ich die letzten 6 Wochen gewohnt habe, schlafen noch. Wie gern hätte ich mich nochmal verabschiedet. Die beiden waren einfach toll … fast wie eine kleine Familie. Aber auf mich warten 200 km bis zu meinem ersten Etappenziel: A Luoi.

Die ersten 50 km auf der überfüllten Ost-West-Route machen wenig Spaß. Ich erspare euch die Details.

Bei Thanh My geht‘s – nach einem kurzen Kokosnuss-Stopp –runter von der Hauptstraße, weg von den ganzen LKW auf dem Weg zur laotischen Grenze, und rauf auf die Ho Chi Minh Road. Endlich allein 😍

Bergpässe schlängeln sich in den Himmel, jede Haarnadelkurve offenbart gigantische Ausblicke über weite Täler, tiefe Schluchten und nebelverhangene Berge. Manchmal ist der Dschungel so dicht und üppig, dass er unüberwindbar scheint und die Straße vollständig zu verschlingen droht. Über allem liegen die Geräusche unzähliger Dschungeltiere. Vögel, Affen … Ein hypnotischer Rhythmus, der durch das ständige Zurückschalten, das nach links und rechts Neigen und die Sonnenblitze, die das dichte Laub durchdringen, noch gesteigert wird. Es ist eine berauschende – aber auch seltsam beruhigende – Fahrt 🕉

Gegen Mittag bin ich in Prao, einer ruhigen, abgelegenen Kleinstadt, die aber alles bietet, was man auf Reisen braucht: einen Minimarkt, eine Tankstelle und ein paar winzige Restaurants … Ich wähle nach meinen bewährten Muster: Da wo’s voll ist, ist’s auch gut. Mit Händen und Füßen bestelle ich eine kleine Variante der riesigen Bauarbeiterportion, die mein Nebenmann gerade vertilgt: Ein Häppchen von allem. Sozusagen Tapas auf Vietnamesisch. Und zwar verdammt leckere! Zum Glück gehe ich erst nach dem Essen auf’s Klo. Der Weg führt durch die „Küche“, ich steige über eine am Boden hockende sehr sehr (also sehr!) alte Frau, die in einer fast sauberen Schüssel die Teller spült – direkt neben dem Hock-Klo, bei dem man mit einer Schöpfkelle direkt aus dem vorbei fließenden Wasserlauf spült 😂

Die Strecke von Prao nach A Luoi ist ein ziemlich einsamer, dünn besiedelter Abschnitt der Ho Chi Minh Road. Er führt erneut durch eine majestätische Landschaft, nur einen Steinwurf von der laotischen Grenze entfernt. Kurz hinter Prao beginnt ein kurvenreicher Gebirgspass, der mich über die nächsten 80 km begleitet. Jedes Mal, wenn ich glaube, den Gipfel erreicht zu haben, steigt die Straße erneut an. Manchmal ist in der Ferne zu erkennen, wie sie sich die Berge hinauf und hinab windet. Wenn die Straße nicht mehr höher steigen kann, schlängelt sie sich einfach am Bergrücken entlang; und wenn der Hang zu steil ist, führen unheimliche, dunkle Tunnel unter den Bergen hindurch auf die andere Seite.

Der Anblick ist magisch. Umso mehr, als man auf der gesamten 100 km langen Fahrt nach A Luoi die Anzahl der anderen Fahrzeuge an einer Hand abzählen kann. Keine Dörfer und nur sehr wenige von Menschenhand errichtete Bauten: ein abgelegener Armeeaußenposten an der laotischen Grenze, provisorische Unterkünfte für Arbeiter, die die häufigen Erdrutsche beseitigen, und Schutzhütten für die Forstwirtschaft.

Aus heiterem Himmel – etwa 30 km vor A Luoi – fängt es sintflutartig an zu regnen. Regenkleidung? Fehlanzeige! Jetzt fragt mich bitte nicht, was ich mir dabei gedacht habe. Vermutlich Tropen, Sonne, 40 Grad …. Wozu braucht man da schon eine Regenkombi? Mit Mühe und Not erreiche ich das erste Dorf nach unendlichen, dschungeligen Serpentinen und stelle mich erst einmal bei einem Kiosk unter. Hatte ich beim Reinfahren ins Dorf nicht ein Schild „Homestay“ gesehen? Mit vielen Gesten (zusammengefaltete Hände an die Wange legen funktioniert auch in Vietnam!) frage ich beim Kioskbesitzer nach und Tatsache! Dieses winzigen Dörfchen hat zwar nur eine Handvoll Häuser, aber eines von ist ein „Hotel“.

In Windeseile düse ich durch den Regen zurück. Das Hùong Danh Homestay ist ein hübscher Pfahlbau inmitten eines sehr einfachen Bauernhofs – mit einem einzigen großen Raum und Bastmatten auf dem Boden. Im Hof werde ich gleich von einem anderen gestrandeten Motorradfahrer begrüßt: David, 19 Jahre alt, aus dem Schwarzwald. Wer mich kennt weiß, ich bin nicht so der passionierte Zimmerteiler. Aber ein Ziel dieser Reise ist es ja, die eigenen Grenzen auszuloten. Also schlafe ich heute neben dem frisch gebackenen Abiturienten auf dem Boden 🤷🏻‍♀

Vorher essen wir aber noch mit der gesamten Familie zu Abend: das junge Paar, das den Hof bewirtschaftet, die Eltern und die Oma. Alle zusammen sitzen wir im Wohnzimmer auf dem Boden, unzählige Schüsseln mit Fleisch, Fisch und Gemüse in der Mitte und führen eine recht angeregte Unterhaltung per Google Translate. Wer hätte gedacht, dass das so gut funktioniert? Nur weiß ich noch immer nicht, warum bei einer Übersetzung plötzlich alle Familienmitglieder lachend über den Boden kugelten …

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